Investieren in Agrarrohstoffe: Mit Essen spielt man nicht

Das manager magazin berichtet über die Preiskapriolen bei Lebensmitteln. Butter ist so teuer wie nie, Äpfel werden knapp, nur Gemüse ist billiger als 2016. Der gemeine Casino-Kapitalist fragt da natürlich gleich: Kann man davon irgendwie profitieren – und sei es nur, um sich gegen steigende Preise im Supermarkt abzusichern?

Fast jede Ware ist handelbar

Na logisch! In Neuseeland gibt’s einen Butter-Future. In Minneapolis wird Apfelsaft gehandelt. Und in Chicago kann man sich mit Weizen, Mais, Kaffee und Zucker eindecken. Vielleicht noch ein Stück Fleisch dazu? Auch das geht. Dumm nur, dass die Waren(termin)börsen nicht für Spekulanten gemacht wurden, sondern für Erzeuger und Verarbeiter – und die wollen nicht zocken, sondern tatsächlich Agrarrohstoffe verkaufen und kaufen, liefern und geliefert bekommen.

Physische Erfüllung: Wohin mit 136 Tonnen Weizen?

Physische Erfüllung nennt sich das im Fachjargon. Will heißen: Wer an der CBoT (Chicago Board of Trade) einen Weizen-Kontrakt erwirbt, bekommt zum vereinbarten Termin 5.000 Bushel Getreide und muss diese auch abnehmen. Das stellt durchaus eine logistische Herausforderung dar. Wir reden hier nämlich über schlappe 136 Tonnen! Kriegt man die in der Speisekammer gerade nicht unter, muss man vorzeitig verkaufen – und sinnvollerweise gleich einen Future mit späterer Fälligkeit ordern, sofern man weiter am Weizenpreis partizipieren will.

Die Contango-Falle

Doch Hin und Her macht bekanntlich die Taschen leer. Für Agrarrohstoffe und Vieh gilt das ganz besonders. Denn die Kosten der Lagerung werden von den Profis bereits eingepreist – genau wie der missliche Umstand, dass man Getreide eben nicht ewig aufbewahren kann. Deshalb sind die länger laufenden Futures in aller Regel teurer als die kurzfristigen.

Agrarrohstoffe vs Aktien

Contango heißt diese Konstellation, die dafür sorgt, dass Investoren und Spekulanten „in the long run“ kräftig reinbuttern. Das zeigt die Historie des Bloomberg Agriculturals Index, der neun Agrarrohstoffe von Baumwolle bis Weizen bündelt und auf Basis der Dollar-Spotpreise seit dem Jahr 2002 immerhin rund 150% zugelegt hat. Doch der Kassamarkt ist eben nur für Statistiker relevant. Handelbar sind ausschließlich die Futures und unter Berücksichtigung des berüchtigten Contango-Effektes wird aus der ganzen Sache ein Nullsummenspiel – siehe rote Linie.

Finger weg von FInanzprodukten auf Agrarrohstoffe

Zwei Jahrzehnte unter brutalsten Schwankungen investiert und herausgekommen ist nichts: Der Frage, inwieweit „Exchange Traded Commodities“ (ETCs) und andere Finanzprodukte auf Agrarrohstoffe ethisch vertretbar sind, kann man also elegant ausweichen. Denn diese Papiere sind schon aus analytischer Sicht so miserabel, dass nur eine Quintessenz bleibt – Finger weg!

Privatanleger halten sich an Lebensmittel-Aktien

Warenterminbörsen sind Veranstaltungen für Profis. Privatanleger haben da nichts zu suchen, sondern halten sich an die gute, alte Aktie. Der mit zahlreichen DividendenAdel-Firmen aus der Lebensmittelbranche gespickte MSCI Food Producers Index hat sich seit der Jahrtausendwende trotz zweier Krisen (2000-03 und 2007-09) mehr als vervierfacht und damit ohnehin deutlich besser abgeschnitten als ein Agrar-Investment. In Zukunft wird es allerdings spannend sein zu sehen, wie Nestlé, Unilever, Mondelez und Konsorten steigende Rohstoffpreise an die Kunden weitergeben können.

Börsianer sind bei Landwirtschaft eher skeptisch

Unternehmen, die am Anfang der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette positioniert sind, haben es derweil an der Börse schwer. Denn steigende Marktpreise für Obst und Gemüse gehen oft mit schlechten Ernten einher – also klettern vielleicht die Margen, aber der Umsatz sinkt.

2017-08-23 35 BAYWA AG-VINK. DividendenAdel-Profil ab 2007-1

Genau darunter leidet derzeit die im SDAX notierte BayWa. Der größte Apfelhändler Deutschlands musste wegen eines 70prozentigen Mengenrückgangs nun sogar für einige Betriebe Kurzarbeit anmelden. Die etwas oberhalb von 30,00 Euro quasi festgewurzelte Aktie hat darauf zwar bislang nicht reagiert. Aber eine Dividendenanhebung im kommenden Jahr wird zunehmend unwahrscheinlicher. Schon diesen Mai hatte BayWa nur eine konstante Ausschüttung gezahlt und damit einen (apfel)blütenweißen Historie von zwölf Anhebungen beendet. Mehr als eine Halteposition ist die Aktie derzeit nicht.

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