Staatlich garantierte 3%: Jetzt lieber Zins als Dividende kassieren!?

Der Zins ist zurück. Seit einigen Tagen werfen fünfjährige US-Staatsanleihen wieder 3% Rendite ab, so viel wie zuletzt im Sommer 2008, kurz vor der Eskalation der Weltfinanzkrise. Hier entwickelt sich ein echtes Konkurrenzprodukt für Aktien, heißt es dazu im Markt-Kommentar eines Online-Brokers – schließlich liegt die durchschnittliche Dividendenrendite im S&P 500 Index nur bei 1,8%.

Also dann – tschüss, ihr lieben Aktien! War schön mit Euch die letzten Jahre, aber jetzt kaufen wir wieder Zinspapiere!? Nun mal langsam… ein paar Anmerkungen zu Aktien, Anleihen, Dividenden und Zinsen:

Geld-Forderung versus Sachwert

Erstens: Die USA gelten nach wie vor als einer der sichersten Schuldner der Welt. Das ändert aber nichts daran, dass auch die legendären „Treasuries“ nur eine Geld-Forderung gegen die US-Regierung sind. Aktien hingegen verbriefen das Miteigentum an einem unternehmerischen Sachwert.

Das klingt nach Erbsenzählerei und verbaler Goldwaage, kann aber schneller relevant werden, als uns allen lieb ist. Etwa in Zeiten steigender Inflation: Die Geldforderung wird dann zwangsläufig entwertet, der unternehmerische Sachwert nicht unbedingt – wenn es dem Unternehmen gelingt, bei seinen Kunden höhere Preise durchzudrücken (was bei Gütern des täglichen Bedarfs ganz gut funktionieren könnte).

Aktien sind mehr als Dividende

Zweitens: Die rund 3% Rendite, mit denen etwa die bis Ende Oktober laufende US-Anleihe derzeit aufwartet, sind von der US-Regierung garantiert – gleichsam aber auch das Maximum dessen, was man erwarten darf. Mehr ist nicht drin.

Bei Aktien ist die Dividendenrendite hingegen zwar eine wichtige, aber eben nicht die einzige Ertragsquelle. Da sind ja noch die Kursgewinne. Denn anders als Anleihen, die irgendwann zum Nominalwert zurückgezahlt werden, können Aktien im Wert steigen – was sie auch meistens tun.

SPX Rollierende Rendite seit 1970

In Zahlen: Seit 1970 lassen sich für den S&P 500 bis heute exakt 11.034 fünfjährige Anlagezeiträume darstellen. Im Durchschnitt hat der US-Leitindex dabei auf Total Return-Basis – also inklusive reinvestierter Dividenden – 10,9% p.a. erwirtschaftet. Betrachtet man nur den Kursgewinn, lag der Zuwachs bei durchschnittlich 7,7% p.a.

Der Vergleich Anleihen- versus Dividendenrendite ist also nicht bloß „Äpfel versus Birnen“, sondern passt eher in die Kategorie „Nachts ist’s kälter als draußen“ – schließlich werden über zwei Drittel des langfristigen Ertragspotentials unterschlagen.

Genau deshalb soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass weder Dividendenrendite noch Kursgewinne auch nur annähernd so sicher sind wie die 3% aus einer US-Staatsanleihe. Die empirische Wahrscheinlichkeit, mit US-Aktien inkl. Dividende Geld zu verdienen, ist dennoch bemerkenswert: 9.842 der 11.034 Fünf-Jahres-Zeiträume seit 1970 haben ein Plus gebracht. Die Erfolgsquote lag also trotz vieler Krisen bei 90%.

Zurück zur historischen Normalität

Drittens: Dass die Anleihen-Rendite signifikant über der Dividendenrendite liegt, ist kein Warnsignal, sondern historische Normalität. Von 1970 bis 2009 hatte es in den USA immer mehr Zinsen als Dividenden gegeben – und während dieser Zeit hat es an den Aktienmärkten zwar immer mal gerappelt, aber tendenziell ging’s kräftig aufwärts.

USA Zins Dividende

Erst die Finanzkrise hat das Verhältnis durcheinandergewirbelt, weil die Anleiherenditen immer weiter gesunken sind, während die Dividendenrendite ziemlich stabil im Bereich von 2% geblieben ist. Genau diese Anomalie wurde und wird nun korrigiert.

Allerdings nur in den USA. In der Euro-Zone herrschen andere Verhältnisse. Nur in den ersten Jahren nach der Euro-Einführung lag die Anleihen- über der Dividendenrendite. 2002-07 lieferten beide Renditen sich ein Kopf- an Kopf-Rennen – und nach 2008 ist die Schere weit auseinander gegangen. Aktueller Stand: 3,7% Dividendenrendite im EURO STOXX 50 versus -0,14% Negativ-Zins bei fünfjährigen Staatsanleihen.

Euro Zins Dividende

Investoren haben von diesem Rendite-Vorsprung der Dividendentitel übrigens nicht profitiert: Egal, ob man nun die letzten eins, zwei, drei, fünf oder zehn Jahre betrachtet – über alle Zeiträume sind europäische Aktien schlechter gelaufen als US-amerikanische.

Zwei Welten mit spezifischem Profil

Insofern: Anleihen und Aktien sind zwei Welten – hier staatlich garantierte Sicherheit, dort unternehmerische Teilhabe mit allen Chancen und Risiken. Der Vergleich von Zinsen und Dividendenrenditen ignoriert diesen Unterschied und ist deshalb vielleicht öffentlichkeitswirksam, aber keine seriöse Basis für eine Anlageentscheidung. Genauso wenig wie die Dividende der neue Zins war, ist der zurückgekehrte Zins nun die bessere Dividende.

Auf die Schulden gucken

Das heißt nicht, dass das Geschehen an der Zinsfront uns als Aktionären schnuppe sein könnte. Ganz im Gegenteil. Denn wenn das Geld teurer wird, trifft das auch die Unternehmen: Es wird tendenziell weniger investiert, sinkende operative Erträge werden durch steigende Zinskosten weiter geschmälert und schuldenfinanzierte Aktienrückkäufe – die den Börsenboom in den USA zuletzt kräftig angeheizt haben – lassen sich erst recht nicht mehr stemmen.

Ob dieser Punkt bereits bei Treasury-Renditen von 3% erreicht wird oder erst bei 4% oder 5%, hängt vom Kaffeesatz ab, den man befragt. Unstrittig sollte aber sein, dass Aktionäre mehr denn je die finanzielle Solidität ihrer Firmen hinterfragen müssen: Kennzahlen wie Payout-Ratio, Eigenkapitalquote oder Schulden und Zinslasten in Relation zum EBITDA werden für die Aktienauswahl und das laufende Monitoring noch wichtiger.

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