Ein Jahr nach der Wahl: Börsenrally wegen oder trotz Trump?

„Ein Wahlsieg von Trump dürfte […] Schockwellen um die Weltbörsen senden. Die Investmentbank Barclays rechnet […] mit einem Absturz des US-Leitindex S&P 500 zwischen 11 und 14 Prozent“, berichtete das Manager Magazin vor genau einem Jahr.

S&P 500 seit dem Wahltag um 20% gestiegen

Heute jährt sich die denkwürdige US-Wahl zum ersten Mal und es ist alles ganz anders gekommen als von den Experten erwartet: Rally statt Crash. Seit Donald Trump am 8. November 2016 zwar nicht die Mehrheit der Amerikaner, aber die Mehrheit der Wahlmänner gewinnen konnte, hat der S&P 500 mehr als 20% zugelegt.

Trump ein Jahr danach S&P 500

Nur unter zwei Nachkriegs-Präsidenten hat sich der Index in den ersten zwölf Monaten nach der Wahl noch besser entwickelt: George Bush sen. startete 1988 mit 22,9% Plus – und John F. Kennedy wurde von der Börse 1960 sogar mit einem fast 30%-igen Kursfeuerwerk begrüßt.

Der beste Präsident der Nachkriegszeit – im Dow Jones

Der Bronze-Rang ist für @RealDonaldTrump, wie der Präsident sich beim Kurznachrichtendienst Twitter nennt, natürlich nicht genug. Der Immobilien-Milliardär und einstige TV-Star hat eine Vorliebe für Gold – und schaut deshalb lieber auf ein anderes Wall Street-Barometer. Gemessen am traditionsreichen Dow Jones Industrial Average ist Trump nämlich tatsächlich der beste Präsident seit Franklin D. Roosevelt: 28,5% hat die Index-Legende in den ersten zwölf Trump-Monaten gewonnen, während für Bush sen. und JFK bloß 23,3% bzw. 21,1% zu Buche stehen.

Trump ein Jahr danach Dow Jones

Die doch recht deutliche Divergenz erklärt sich aus den unterschiedlichen Index-Konzepten. Erstens ist der S&P 500 mit seinen 500 Aktien ungleich breiter aufgestellt als der gerade einmal 30 Titel umfassende Dow Jones. Und zweitens wird der S&P 500 – entsprechend internationalen Standards – nach der Marktkapitalisierung gewichtet. Am Dow Jones hingegen sind alle Index-Innovationen vorbeigegangen. Wie zu Zeiten von Charles Henry Dow (1851-1902) und Edward Davis Jones (1856-1920) entsteht der „Industrial Average“ letztendlich durch Addition der aktuellen Kurswerte.

Wie die Dow-Gewichtung Trump begünstigt

Wäre Berkshire Hathaway – die A-Aktie kostet aktuell um die 280.000 US-Dollar – im Dow Jones enthalten, würde die Holding von Investment-Ikone Warren Buffett den Index also komplett dominieren. So jedoch sind Boeing, Goldman Sachs, 3M United Health, Apple und McDonalds am höchsten gewichtet: Alles Unternehmen, die in den letzten zwölf Monaten überdurchschnittliche Kursgewinne verzeichnen konnten.

Trump ein Jahr danach Top Flow Aktien

Flops wie Verizon, Merck & Co. oder General Electric – das einzige Dow-Mitglied, das seit der Wahl fett zweistellig verloren hat – notieren derweil allesamt unter 100 US-Dollar und haben deshalb entsprechend weniger Einfluss auf den Index.

Aktien steigen, doch was hat der Präsident damit zu tun?

Doch egal, ob Donald Trump nun die Nummer eins oder bloß die Nummer drei ist, was die Börsenentwicklung seit der Wahl angeht, bleibt festzuhalten: In den letzten zwölf Monaten ging’s an der Wall Street ziemlich kräftig – und obendrein stetig – nach oben. Fraglich nur, was der Präsident damit zu tun hat.

Zugegeben, mit Boeing und Caterpillar stehen im Dow Jones zwei klassische „Trump-Aktien“ ganz oben – Rüstung und Rohstoffe, Industrie und Infrastruktur waren und sind Kernthemen des Präsidenten. Auch die Renaissance des Finanzsektors war absehbar. Aber sonst? Dass Apple sich anschickt, als erstes Unternehmen der Welt die Schallmauer von einer Billion Dollar Börsenwert zu durchbrechen, hat mit Trump nichts zu tun. Genauso wenig kann „The Donald“ etwas für die jüngste Eskalation der seit Jahren schwelenden Strukturkrise beim Giganten General Electric.

Technologie-Firmen besser als die Trump-Branchen

Auch die Schuld an der mauen Kursentwicklung beim Pillendreher Merck & Co. kann man kaum dem Mann im Weißen Haus in die Schuhe schieben. Denn erstens haben die Republikaner die versprochene Gesundheitsreform mehrmals grandios verbockt. Und zweitens rangiert – allen Unsicherheiten zum Trotz – mit United Health ein anderes Unternehmen aus demselben Sektor in den Top 5.

Trump ein Jahr danach Sektoren

Der Eindruck, dass Trumps Einfluss auf die Aktienkurse mal wieder ein Exempel für den Unterschied zwischen Kausalität und Koinzidenz ist, verfestigt sich beim Blick auf die Sektoren innerhalb des S&P 500. Die vermeintlichen „Trump-Branchen“ Finanzen, Grundstoffe Industrie haben zwar seit der Wahl überdurchschnittlich abgeschnitten, bleiben aber deutlich hinter den Technologie-Firmen zurück. Am Tabellenende derweil die nichtzyklischen Konsumgüter – obwohl die Trump-Administration nichts unternommen hat, was das Geschäft mit Lebensmitteln, Getränken oder Körperpflege-Produkten erschweren würde. Vielmehr waren die Bewertungen des Sektors dem Wachstumspotential davongelaufen…

Rüstungsaktien schon vor Trump begehrt

Und selbst hinter den Rüstungsaktien steht ein Fragezeichen. Zwar hat der mit DividendenAdel-Firmen wie Lockheed Martin, Raytheon, General Dynamics oder Northrop Grunman bestückte NYSE/Arca Defense Index seit der Wahl formidable 50% aufs Parkett gelegt. Doch der Anstieg der hellblau schraffierten Fläche im Chart zeigt: Der Militär- und Waffen-Sektor läuft schon seit Anfang 2016 besser als der breite Markt – und damals war ein Präsident Trump ähnlich wahrscheinlich wie ein Fußball-Weltmeister USA.

2017-11-08 NYSE ARCA Defense Index vs. S&P 500 ab 01-2007-1

Dass rund um den Globus mehr Geld in Rüstung gesteckt wird, hat also wohl eher mit der längerfristigen geopolitischen Gemengelage zu tun als mit dem US-Präsidenten. Genauso ist die gute Stimmung an der Wall Street die Konsequenz aus niedrigen Zinsen und steigenden Unternehmensgewinnen – aber nicht das Werk von Donald Trump.

Trump als wirtschaftspolitischer Mephisto

Oder vielleicht doch? „Ich bin ein Teil von jeder Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft“, lässt Goethe seinen Mephisto reimen und ähnlich verhält es sich mit Trump. Die für die Wirtschaft kritischen Punkte seiner Wahlkampf-Agenda sind im – selbstverschuldeten – administrativen Chaos versandet, vom globalisierungskritischen Protektionismus bis hin zum Kampf gegen die Washingtoner Lobbyisten. Stattdessen gibt’s neben viel Gebrüll und allerlei Peinlichkeiten ein bisschen Deregulierung plus die Phantasie, dass die Steuern eher steigen als sinken. Im aktuellen (Zins-)Umfeld scheinen die Börsianer damit schon zufrieden zu sein.

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