Laster-Aktien: Wir sind alle kleine Sünderlein – aber die Dosis macht’s

Saufen, rauchen, Fastfood – gesund ist das nicht. Außer, es geht um’s Depot. Denn bei Aktien gilt die Devise: Es lebe das Laster.

Laster-Aktien mit großem Vorsprung

So hat der MSCI World in den vergangenen knapp zehn Jahren trotz Finanzkrise per saldo rund 60% zugelegt. Für sich genommen nicht schlecht, doch mit dem Welt-Schnaps-Index – offizieller Name „Bloomberg Global Spirits Beverages“ – konnten Anleger einen viel größeren Schluck aus der Performance-Pulle nehmen: Das mit Firmen wie Diageo, Rémy Cointreau oder Davide Campari bestückte Aktien-Barometer hat sich seit 2008 verdreifacht.

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Ähnlich lief’s im Tabak-Sektor. Auch dem NYSE/Arca Tobacco Index ist eine Verdreifachung gelungen. Aber es geht noch besser: Mit amerikanischem Fast Food konnte man sogar mehr als das Fünffache aus seinem Geld machen. Der „Bloomberg North America Fast Food and Pizza Restaurant Index“ kommt auf ein Plus von 544% – auch weil der Pizza-Riese Domino’s mit seiner Versechzehnfachung (!) sogar den E-Commerce-Giganten Amazon alt aussehen lässt.

Sünde hat immer Konjunktur

Dabei verstehen sich alle Performance-Zahlen natürlich inklusive reinvestierter Ausschüttungen. In allen drei Indices gibt’s schließlich genügend Firmen, die entweder lupenreiner DividendenAdel sind oder zumindest mit fetten Rendite-Prozenten locken. Aktien wie Altria, Brown-Forman, Diageo, McDonald’s, Philip Morris oder Yum Brands gehören zur Grundausstattung vieler Dividenden-Depots – nicht zuletzt wegen ihres defensiven Profils. Gegessen, getrunken und geraucht wird schließlich immer, so das Kalkül, egal ob die Konjunktur boomt oder schwächelt.

Drei Risikofaktoren für die Zukunft

Doch bei aller Leidenschaft für die Sünde, ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht – oder zumindest nicht mehr. Denn wenn es um die Perspektiven der Laster-Aktien geht, sollten Anleger drei Faktoren auf der gedanklichen Agenda haben:

Steigendes Gesundheitsbewusstsein: Immer mehr Menschen achten auf einen gesunden Lebenswandel. Tabak ist uncool, der Alkoholkonsum sinkt, Essen soll frisch und vitaminreich sein. Nur logisch also, dass McDonald’s mit seinen Signature-Burgern eine Qualitätsoffensive startet, dass die Schnaps-Legende Berentzen plötzlich auch Mate produziert und Philip Morris viel Geld in E-Zigaretten steckt. Doch ob das reicht, um die Margen zu halten und Einbußen im lasterhaften Stammgeschäft zu kompensieren, ist fraglich.

Regulatorische Eingriffe: Die US-Gesundheitsbehörde FDA will nun den Nikotingehalt von Zigaretten limitieren, um das Suchtpotential zu beschränken – das jüngste Beispiel für regierungsamtliche Initiativen gegen das Laster-Leben. Weshalb also sollte nicht auch irgendwann das immer wieder diskutierte Werbeverbot für Alkohol kommen? Und auch die Fastfood-Industrie wird kaum etwas dagegen unternehmen können, dass billige Kohlenhydrate weiter stigmatisiert werden.

Hohe Bewertungen: Gemessen an diesen Risiken sind die Bewertungen für viele Laster-Aktien durchaus ambitioniert. Natürlich muss Qualität ihren Preis haben, aber mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 23 ist beispielweise McDonald’s so teuer wie nie in den letzten zehn Jahren. Dasselbe gilt für Philip Morris – und Rémy Cointreau wird sogar mit dem 30-fachen Gewinn bezahlt.

Seltener sündigen – dafür auf höherem Niveau

Aus dem Depot kegeln muss man die Laster-Aktien deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil, denn nach wie vor gilt, was Willy Millowitsch einst sang: „Wir sind alle kleine Sünderlein“. Zwar wird vielleicht nicht mehr so oft gesündigt, dafür aber auf höherem Niveau. Also lieber eine Flasche von George Clooneys Casamigos-Tequila für 50,00 Euro als fünf Flaschen José Cuervo, die es im Supermarkt schon für einen Zehner gibt – der Schnaps-Riese Diageo verdient an beidem.

Vorsicht vor Klumpenbildung

Gleichzeitig gilt der Rat des alten Paracelsus („Die Dosis macht das Gift“) auch im Depot. Will heißen: Dass Spirituosen-, Tabak- und Fastfood-Aktien satte Dividenden, eine bemerkenswerte Historie und eine eingängige Investment-Story bieten, darf nicht zur Klumpenbildung führen.

Auch unpopuläre Branchen gehören ins Depot

Jede Branche hat ihre Risiken, vor denen nur eine systematische Diversifikation schützt. Bevor man also die nächste Order für Altria oder McDonald’s aufgibt – einfach mal checken, ob auch alle anderen Wirtschaftszweige im Portfolio angemessen vertreten sind. Bei Grundstoff- oder Finanz-Titeln ist der gedankliche Zugang vielleicht nicht so einfach. Doch Aktien wie LyondellBasell (Chemie) oder T Rowe Price (Vermögensverwaltung) haben ebenfalls ein spezifisches Chance/Risiko-Profil, das in einem langfristigen Income-Depot vorkommen sollte.

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