The Sky is the Limit: Keine Angst vor Allzeit-Hochs

Feierstimmung an der New Yorker Börse: Am Freitag hat der Leitindex S&P 500 abermals ein neues Allzeit-Hoch markiert. Vorneweg wieder einmal die Dividenden-Aristokraten – von den 50 Top-Firmen, die ihre Ausschüttung seit mindestens einem Vierteljahrhundert kontinuierlich anheben, konnten allein in der letzten Woche neun ein neues Rekord-Niveau erklimmen, darunter Johnson & Johnson, 3M und Stanley Black & Decker.

Insgesamt notieren nun 34 Aristokraten maximal 4% unter ihrem „All Time High“. Wer schon länger investiert ist, darf sich also neben fröhlich steigenden Dividenden-Einnahmen auch über satte Kursgewinne freuen. Bei Anlegern, die auf größeren Cash-Bergen hocken und noch einen Einstieg in den Aktienmarkt suchen, sorgt die Rallye hingegen eher für Bauchschmerzen: Irgendwie steckt schließlich in jedem von uns das Schnäppchenjäger-Gen, weshalb man sich schwer tut, jetzt zu Höchstkursen zuzugreifen. Stattdessen bleibt man an der Seitenlinie und hofft, dass die Kurse wenigstens ein bisschen nachgeben.

2016-07-25 Vergleich DH10J vs. SPTR ab 2001-1

Was psychologisch nachvollziehbar ist, zahlt sich langfristig allerdings nicht aus. Im Gegenteil, rein rechnerisch betrachtet sind Höchstkurse sogar ein Kaufsignal. Das zeigt ein Vergleich zwischen dem S&P 500 und einem Aktienkorb, der immer zum Quartalsende gleichgewichtet mit den 50 Index-Mitgliedern bestückt wird, die ihrem Allzeit-Hoch am nächsten sind: Inklusive reinvestierter Dividenden kommt die „All Time High“-Selektion seit Anfang 2001 (in US-Dollar) auf einen Wertzuwachs von mehr als 300%, während für die Total Return-Variante des S&P 500 lediglich 130% Plus zu Buche stehen.

Ähnlich das Bild hierzulande. Zwar notiert der DAX noch mehr als 10% unterhalb seiner Bestmarke vom Frühjahr letzten Jahres, zahlreiche Einzeltitel wie SAP, Adidas oder die Phalanx der Immobilien-Aktien sind indes längst in neue Dimensionen vorgestoßen. Grund genug, den aus den insgesamt 110 DAX-, MDAX- und TecDAX-Firmen zusammengesetzten HDAX ebenfalls einer „All Time High“-Analyse zu unterziehen – mit eindeutigem Ergebnis: Ein quartalsweise neu zusammengestelltes Portfolio mit den elf Werten, die am engsten an ihrem Rekord-Kurs notieren, konnte sich seit Januar 2003 nahezu versiebenfachen. Dem HDAX ist im selben Zeitraum lediglich ein Gewinn von 250% gelungen.

2016-07-25 Vergleich DH10J vs. HDAX ab 2003-1

„Die Hausse nährt die Hausse“ umschreiben Börsianer dieses Phänomen, das bei näherer Betrachtung gar nicht so verwunderlich ist. Wenn Aktien neue Rekorde markieren, geschieht das selten ohne fundamentalen Hintergrund – die Geschäfte laufen, die Gewinne sprudeln, die Zukunftsaussichten haben sich verbessert. Hinzu kommt der Herdentrieb der großen institutionellen Anleger, die sich in den Berichten an ihre Kapitalgeber möglichst gut darstellen wollen und deshalb gerne dort (nach-)kaufen, wo die dicken Prozente stehen. Und auch die Psychologie spielt eine Rolle: Solange eine Aktie unterhalb früherer Rekorde notiert, scheint das Potential gedeckelt. Doch sind die alten Bestmarken einmal übersprungen, lautet die Devise „The sky is the limit“.

Die neuen Allzeit-Hoch an der Wall Street sind also kein Grund, kalte Füße zu bekommen, Engagements aufzuschieben oder gar bestehende Positionen zu verkaufen. Genauso widersinnig wäre es aber, jetzt bewusst Vollgas zu geben und in der Hoffnung auf den Sog-Effekt der Top-Kurse ganz groß einzusteigen. Lassen Sie sich nicht unter (Anlage-)Druck setzen, weder von steigenden Kursen noch von der Finanzindustrie, die die Gunst der Stunde nutzen und ihre Produkte verkaufen will: Wer ein langfristiges Aktien-Portfolio aufbaut, darf sich nicht von kurzfristigen Emotionen leiten lassen, sondern muss Angst und Gier mit konsequenter Systematik ein Schnippchen schlagen – und in einem vordefinierten Rhythmus (z.B. monatlich oder halbjährlich) fixe Beträge investieren.

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6 Antworten

  1. Philipp A. sagt:

    Hi! Ich kann dir nur zustimmen. Gerade wird ja auch die altbekannten „Der Crash kommt“ – Sau von den Medien durchs Dorf getrieben. Wie du sagst, sollte man sich nicht von der künstlichen Panikmache lähmen lassen, sondern mit Sparplänen in Aktien oder ETF’s investieren. Dann profitiert man vom Cost-Average-Effekt und kann sich über fallende und steigende Kurse gleichermaßen freuen. Ich selber habe meine Strategie dabei auf Dividenden-ETF’s ausgerichtet. LG http://www.passives-einkommen.rocks

  2. Keek sagt:

    Dann würde mich doch mal eure konkrete Meinung interessieren. Ich sitze derzeit auch mit ca. 25 k an der Seitenlinie und will nun endlich loslegen. Ziel sind vorrangig die genannten Großen, Haltedauer für immer (wenn möglich).

    Ich hatte mir jetzt überlegt diese 25 k in den kommenden 2-3 Wochen in diverse Werte wie 3M, Coke, J&J, P&G, CAT, Wells Fargo, IBM, und wie sie alle heißen zu Tranchen von jeweils ca. 3.000 Euro ins Depot zu holen. Zwar streue ich gleich mal und halte die einzelnen Positionen klein. Trotzdem würde ich bei nahezu allen Ami-Werten (und somit mit nahezu der vollen 25 k) in der Nähe des ATH einsteigen. Andererseits sage ich mir, ich kann doch mein Startkapital von ca. 25.000 jetzt nicht erst monatlich a 3000 Euro in Ring werfen, dann bin ich ja noch in 8 Monaten zu gange. Zumal zukünftig auch 2 k pro Monat dazukommen. Das wäre mir irgendwie schon wieder zu lange bzw. zu viel Seitenlinie (würde ich vermutlich anders sehen, falls der Markt tatsächlich krachen geht, wenn ich drin bin :-).

    Daher meine Frage: findet ihr die „Erstinvestition“ zeitlich zusammenhängend nahe des ATH (aber in versch. Werte) okay, oder würdet ihr tatsächlich zeitlich diversifizieren?? Wie gesagt, ich werde von nun an stetig weiterkaufen, hoffentlich für immer.

    Danke!

    P.s. Christian, ich verfolge auch deine seeehr interessante Arbeit in der Gruppe bei Facebook. Super. Wer ist eigentlich der „sprachliche Urheber“ eures Buches?? Ironisch, süffisant, humorvoll, teils sarkastisch, ich weiß gar nicht was noch… Weltklasse „Rhetorik“ (oder wie auch immer man die sprachliche Ausdrucksweise beim Schreiben nennt) :-).

    • Christian W. Röhl sagt:

      Zunächst mal vielen Dank für das Kompliment zur Rhetorik. Abseits der Finanz-Themen habe ich ja auch Spaß an Sprache und das Buch war/ist der Versuch, beides zu verbinden.
      Zur Investment-Frage: Niemand weiss, ob die Kurse gerade „hoch“ oder „niedrig“ sind – das stellt man leider erst im Nachhinein fest. Gerade deshalb bin ich in JEDER Marktphase dagegen, sich unter (Anlage-)Druck setzen zu lassen und sein Kapital auf einen Schlag in den Markt zu „donnern“. Wer langfristig investiert, muss es schon aushalten können, ein paar Monate an der Seitenlinie zu stehen und vielleicht nicht ausreichend investiert zu sein.
      Konkret: Einstieg auf jeden Fall in Tranchen. Denkbar wäre, die 25k zumindest über 2 Jahre zu strecken – also jeden Monat 1.000 Euro davon zu investieren, dazu die erwähnten 2.000 pro Monat. Macht in Summe zunächst 25 Tranchen à 3.000 Euro, wofür man (einen günstigen Broker vorausgesetzt) durchaus drei Aktien erwerben kann. Oder man macht gleich einen Aktien-Sparplan, etwa bei ConSors oder ING-DiBa. Die meisten Dividenden-Werte sind ja im Rahmen der Sparpläne handelbar.
      Wichtig außerdem, gerade wenn man jeden Monat drei Aktien kauft: Nicht einfach „drauf los investieren“ und opportunistisch entscheiden, sondern im Vorfeld planen, welche Aktien man erwerben möchte. Die DividendenAdel-Listen können dabei eine gute Orientierung geben, auch mit Blick auf Diversifikation. Nicht alles in US-Werte (schon wegen der Währung), nicht alles in klassische Defensiv-Branchen – sondern 50/50 Mix Euro/Fremdwährungen und Aktie aus allen Sektoren reinnehmen, auch Zykliker!

  3. Stefan Swert.z sagt:

    Hallo Christian,
    Das ist ja ein spannender Ansatz!
    habt Ihr den o.g. All time high Korb errechnet / rückgerechnet, oder gibt es dazu regelmäßig irgendwo Informationen, damit man das ggfs nachhandeln kann?
    Dank Dir
    Beste Grüße

    • Hallo Stefan! Wir rechnen so etwas, wenn möglich, immer mit einer „neutralen Instanz“ – nämlich mit Bloomberg Equity Screening (EQS). Sehr gutes Tool, das den „Survivorship Bias“ komplett ausschaltet und wirklich unter realen Bedingungen testet. Gerne können wir hier in den Kommentaren immer zum Quartalsende einen Bloomberg-Screenshot mit der aktuellen Top-Liste posten! Cwr.

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