Berlins größte Web-Hoffnung

Heute Hauptversammlung von Zalando in Berlin vor ungewohnter Kulisse: Während bei den meisten Aktionärstreffen die Generation 60+ dominiert, saßen heute im Umspannwerk Alexanderplatz auffällig viele junge Menschen im Publikum – darunter zahlreiche Mitarbeiter, die beim Börsengang 2014 die Gelegenheit genutzt hatten, sich an ihrem Brötchengeber zu beteiligen.

Für die Aktienkultur kann das nur gut sein. Erfreulich deshalb, dass der Online-Modehändler – mittlerweile einer der größten privaten Arbeitgeber der Hauptstadt – sich nicht lumpen ließ: Gut gemachte Video-Clips zur Einstimmung, faktenreiche und pointierte Antworten des Vorstands auf die von den Aktionären vorgebrachten Fragen sowie ein charmantes Flying Buffett mit Schnitzel, Buletten & Co. entsprachen genau dem, was man von einem „Leuchtturm der Berliner Wirtschaft“ (SdK-Sprecher Michael Kunert) erwarten darf.

Und weil man in der Internet-Welt ja so cool und lässig ist, dass sogar Konzern-Granden wie die Aufsichtsräte Lothar Lanz (Ex-ProSiebenSat.1) oder Kai-Uwe Ricke auf den Schlips verzichtet hatten, musste natürlich auch der Bericht des Vorstands etwas ganz Besonderes sein – statt der üblichen Rede gab’s ein Interview mit den drei Vorständen. Eigentlich eine nette Idee, doch ohne sauber strukturiertes Moderationskonzept gerät so etwas schnell zum müde dahin plätschernden Bullshit-Bingo. Kostprobe: „Wettbewerb ist immer da. Online ist die Konkurrenz nur einen Mausklick entfernt.“

So brauchte es schon einen mustergültigen Geschäftsbericht und die Einlassungen engagierter Anlegerschützer am Rednerpult, um zu erkennen: Zalando ist nicht nur operativ auf Kurs, sondern hat auch eine spannende Vision – vom Modehändler zum „Betriebssystem des Modehandels“. Die damit verbundene Plattform-Strategie geht weit über den klassischen Online-Shop hinaus und umfasst Logistik-Innovationen (Zustellung am selben Tag), Eigenmarken (zLabels), Stilberatung (Zalon) sowie jede Menge Technologie. Das alles kostet natürlich Geld, weshalb Zalando selbst dann, wenn die Verlustvorträge aus der Gründungsphase aufgebraucht sind und eine Ausschüttung bilanzrechtlich möglich wäre, weiter jeden Cent ins Wachstum stecken will. Eine Dividenden-Perspektive wurde auch auf Nachfrage ausdrücklich nicht aufgezeigt. Immerhin, alle Investitionen sollen aus dem Cashflow und der vorhandenen Liquidität finanziert werden; für eine Kapitalerhöhung sieht der Vorstand ausdrücklich keine Notwendigkeit.

Im privaten „Hoffnungs-Depot“, in dem wir mit der Neugier der leidenschaftlicher Entrepreneure Technologie-Aktien sammeln, die (noch) keine Dividende zahlen, wird Zalando deshalb weiter enthalten sein – nicht zuletzt wegen des Managements: „Am meisten werden wir alle von der Aktie haben, wenn wir uns weiter auf die Kunden fokussieren“, brachte Vorstand Rubin Ritter heute sein Verständnis von Wertschöpfung auf den Punkt, als er auf die zuletzt eher maue Performance der Zalando-Aktie angesprochen wurde. Diese Souveränität würde vielen Konzernlenkern gut zu Gesicht stehen!

2016-05-31 Dividendenprofil KINVB SS ab 2006 Web-1

Kleiner Wermutstropfen am Rande: Chefkontrolleurin Cristina Stenbeck ist mit Ende der HV aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden. Die Hauptgesellschafterin der schwedischen Investmentgesellschaft Kinnevik, mit 31,7% nach wie vor größter Zalando-Aktionär, sieht ihre Mission als erfüllt an und wird sich nun um ihre anderen Beteiligungen kümmern – darunter der dänische Telefonkonzern Tele2, die vor allem in den USA aktive Fintech-Plattform Betterment sowie zahlreiche Firmen aus dem Reich der Samwer-Brüder. Mit denen sowie mit der zum skandinavischen DividendenAdel zählenden Kinnevik-Aktie beschäftigen wir uns dann in der nächsten Woche anlässlich der Hauptversammlung von Rocket Internet.

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