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Sixt und andere Ausschüttungs-Ausfälle: Cool bleiben ohne Dividenden?

Sixt streicht die Dividende. Zum ersten Mal seit dem Börsengang 1986. Selbst in den Krisen 2001/02 und 2008/09 waren die Stamm-Aktionäre nie leer ausgegangen.

Gemessen an dem, was in Krankenhäusern, Laboren, Supermärkten, Logistik-Zentren, Ämtern und sonstwo geleistet wird, um die Corona-Epidemie einzudämmen und gleichzeitig die Versorgung zu sichern, ist das eigentlich eine Nicht-News. Aber der Ausschüttungs-Ausfall des Autovermieters ist eben auch ein Signal dafür, dass das, was momentan um uns herum passiert, kein normaler Crash ist. Sondern ein wirtschaftlicher Schockfrost ohne Beispiel.

Deshalb ein paar Bemerkungen aus der Sicht des Investors, der seinen Lebensunterhalt im wesentlichen aus Kapitalerträgen bestreitet:

Wirtschaftlicher Schockfrost ohne Beispiel

Ich finde den Ausfall der Sixt-Dividende nachvollziehbar. Dividenden sind eben keine Zinsen, sondern der Ertrag einer unternehmerischen Beteiligung – der aus dem Gewinn von gestern gezahlt wird, dabei aber auch das Morgen berücksichtigen muss. Und das liegt für uns alle im Nebel. Und für Sixt in einem schwarzen Loch: Wenn von jetzt auf gleich alle Geschäftsreisen und Freizeit-Trips abgesagt werden, braucht nahezu niemand mehr Mietwagen und Mobilitätsdienstleistungen. Die Umsätze gehen nicht wie in einer normalen Rezession langsam zurück. Das Geschäft bricht einfach weg und damit auch der Cashflow. Da scheint es opportun, das Geld zusammenzuhalten. Zumal eben nicht absehbar ist, wie lange der globale Lockdown anhalten wird.

War Sixt finanziell auf Kante genäht?

Dennoch ist eine Kürzung – und erst recht ein Ausfall – der Dividende immer ein Zeichen von Schwäche. Vor allem, wenn ein Unternehmen einst soooo offensiv mit der Ausschüttung geworben hat und nun auch die Investitionen zurückfährt. Und weil bereits nach drei Wochen Corona-Krise eine derart massive Reaktion erfolgt, müssen Fragen erlaubt sein: War Sixt schon vorher finanziell auf Kante genäht? Ich finde nicht, gerade weil die Trennung vom Leasing-Geschäft die Bilanz entlastet. Auch die Anleihe-Investoren sind entspannt. Der 2022 fällige und mit läppischen 1,125% verzinste Sixt-Bond notiert noch immer über pari. Geht man etwa von einem viele Monate dauernden Stillstand aus und bereitet die Firma auf eine Art wirtschaftlichen Winterschlaf vor? Möglich, aber nicht unbedingt wahrscheinlich, schließlich wird für 2020 trotz allem ein „deutlich positives“ Vorsteuerergebnis erwartet.

Erst kommt das Unternehmen, dann die Aktionäre

Vielmehr kam mir heute früh wieder die Hauptversammlung 2016 in den Sinn (die ich ohnehin nie vergessen werde, da ich an diesem Tag erfahren habe, dass ich Papa werde). Damals hatte Erich Sixt auf meine Nachfrage zur längerfristigen Dividenden-Perspektive geantwortet: „Erst kommt das Unternehmen, dann die Aktionäre.“ Man wusste also, worauf man sich einlässt. Wie viele Familienunternehmer neigt Erich Sixt dazu, im Notfall die Schotten dicht zu machen und Geld zu bunkern – wie schon in der Finanzkrise, als die Dividende zwar nicht gestrichen wurde, aber mit zehn Cent nur symbolischen Charakter hatte.

Mit dem Firmenchef in einem Boot

Insofern bin ich sicher nicht begeistert, dass es in diesem Jahr auf dem Kontoauszug keinen Gruß aus Pullach geben wird. Aber weil Sixt nie auch nur die erste DividendenAdel-Hürde (zehn Jahre ohne Kürzung) überspringen konnte, hatte ich die Aktie sowieso nicht in die Schublade „entspanntes Income-Investment“ gesteckt. Überdies sitzt Erich Sixt ja im selben Boot. Er hält schließlich 58% der Stammaktien und hätte knapp 40 Mio. Euro einstreichen können, wenn die zwischenzeitlich kolportierten 2,20 Euro je Anteil ausgezahlt worden wären.
Dass er das Geld lieber in der Firma lässt, kann nur heißen: Er setzt auf die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens. Darauf, dass Sixt auch diese Krise überleben, aufs Neue profitabel wachsen und vielleicht schon nächstes Jahr die Dividendenzahlung wieder aufnehmen wird.

2020-03-17 SIXT SE DividendenAdel Profil+-1

Hauptversammlungen als Dividenden-Hemmschuh

Deshalb bleibe ich hier engagiert. Zumal Sixt nicht der einzige Ausschüttungs-Ausfall in diesem Jahr sein wird – das für deutsche Anleger sowieso problematisch ist, weil selbst die bereits angekündigten Dividenden erstmal nicht gezahlt werden können. Dafür bräuchte es nämlich Hauptversammlungsbeschlüsse und solange der Lockdown anhält, wird es keine Aktionärstreffen geben.

Mehr dazu in meiner aktuellen CAPinside-Kolumne – in der ich außerdem schon orakelt hatte, dass einige Firmen im Herbst, wenn die jetzt ausfallenden Hauptversammlungen hoffentlich nachgeholt werden, nicht mehr an den ursprünglichen Vorschlägen zur Gewinnverwendung festhalten könnten. Heute schon der erste Fall, sogar bei einer langjährigen DividendenAdel-Firma: Nach 15 Jahren ohne Kürzung will MTU Aero Engines statt der eigentlich avisierten 3,40 Euro gar nichts ausschütten.

MTU nach 15 Jahren auf null

Gleichzeitig lässt man sich aber ein Hintertürchen offen. „Basierend auf den Entwicklungen der nächsten Wochen werden Vorstand und Aufsichtsrat der Hauptversammlung gegebenenfalls eine aktualisierte Empfehlung unterbreiten“, heißt es in der Mitteilung. Das klingt ziemlich verschwurbelt und wirkt lange nicht so souverän wie bei Sixt – zeigt aber vor allem, wie ernst die Lage sein muss, wenn selbst DAX-Konzerne dermaßen im Nebel stochern und sich alle Optionen offenhalten.

2020-03-17 MTU AERO ENGINES DividendenAdel Profil+-1

Einstweilen verbleibt MTU Aero Engines natürlich im DividendenAdel Deutschland und damit auch in meinem Depot. Denn die Zusammensetzung der Auswahlliste wird ja planmäßig erst zum 30. September überprüft – wobei in den Sternen steht, ob dann wie in den Vorjahren alle 2020er Dividenden vorliegen. Ich darf versprechen: Wenn meine größte Sorge in sechs Monaten die nächste DividendenAdel-Liste ist, hüpfe ich vor Freude auf einem Bein vom Brandenburger Tor zur Siegessäule.

Langweilige Cashflows aus defensiven Branchen

Bis dahin wird unsere Gesellschaft harte Zeiten durchleben. Aber irgendwann ist auch diese Krise vorbei. Und bis dahin gibt’s natürlich Dividenden. Denn ich habe ja nicht nur deutsche Zykliker im Portfolio. Sondern auch (bzw. gerade) Unternehmen aus defensiven Branchen und Ländern mit einer anderen Ausschüttungs-Kultur. Versorger wie NextEra und Fortis, Lebensmittel-Firmen wie Pepsi und Hormel, Händler und Walmart und Target, Technologie-Titanen und Microsoft und Intel oder Gesundheits-Granden wie Novo Nordisk oder Coloplast sollten langweilige Cashflows und stabile Dividenden liefern. So wie der Pharma-Riese Roche, dessen Aktionäre heute auf der Generalversammlung in Basel die 33. Dividendenanhebung in Folge durchgewunken haben.

2020-03-17 ROCHE HLDG-GENUS DividendenAdel Profil+-1

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