Die unsanfte Landung der Internet-Rakete

Zumindest von den „Soft Skills“ her war die gestrige Hauptversammlung von Rocket Internet ein Fortschritt. Anders als im Vorjahr wurden die vom 50%-igen Kursrutsch der letzten zwölf Monate gebeutelten Aktionäre nicht mit lauwarmer Kartoffelsuppe und verschwurbeltem Juristendeutsch abgespeist: Im noch nicht ganz fertigen „Rocket Tower“ schräg gegenüber vom Axel Springer-Hochhaus in der Berliner Charlottenstraße servierten Firmengründer Oliver Samwer und seine Vorstandskollegen Bagels, Buletten und die Bereitschaft zum offenen Dialog – garniert mit einer gehörigen Portion Demut.

Der bislang völlig verunglückte Kapitalmarkt-Auftritt der Berliner Startup-Schmiede scheint auch beim (laut Selbstcharakterisierung) „aggressivsten Mann im Internet“ Spuren hinterlassen haben. „Oft ist nicht klar genug, was wir machen“, gab Selfmade-Milliardär Samwer ungewohnt selbstkritisch zu – wobei sein bewusst leiser, gleichzeitig aber auch wenig inspirierter Vortrag daran nicht allzu viel zu ändern vermochte.

Ja, Rocket hat sicherlich eine extrem leistungsfähige Plattform, um digitale Geschäftsmodelle aufzusetzen und zu skalieren. Und mit liquiden Mitteln von 1,8 Mrd. Euro ist das Unternehmen einer der kapitalstärksten Internet-Investoren in Europa. Doch auch dieses Cash-Polster ist irgendwann verdampft, wenn die Verluste von HelloFresh & Co. weiterhin so stark wachsen wie die Umsätze. Schön deshalb, dass man das Portfolio nun stärker auf Profitabilität trimmen will – aber wie das gehen soll und was die Aktionäre davon haben, steht in den Sternen.

Denn selbst wenn Beteiligungen (wie zuletzt das asiatische Shopping-Portal Lazada) mit sattem Gewinn verkauft werden können, ist eine Dividende „sehr unwahrscheinlich“, wie Oliver Samwer auf unsere Nachfrage in der HV ausführte. Anders als erfolgreiche Beteiligungsfirmen wie Aurelius oder die Deutsche Beteiligungs AG will man bis auf weiteres weder reguläre Ausschüttungen zahlen noch die Aktionäre an Sondererträgen teilhaben lassen.

Die Aktie bleibt damit ein Hoffnungswert, eine Spekulation auf die Köpfe der Samwer-Brüder, Aus unserer Sicht zu heiß, um mehr als ein bisschen „Spielgeld“ zu investieren. Lieber halten wir uns an Firmen, die bereits bewiesen haben, dass sie im Internet nicht nur Umsätze, sondern auch Gewinne machen können – beispielsweise das TecDAX-Schwergewicht United Internet oder die schwedische Holding Kinnevik, die übrigens beide an Rocket Internet beteiligt sind (mit 8,3% bzw. 13,2%).

2016-06-10 Dividendenprofil UTDI GR ab 2006 Web-1

Spannend überdies, was Online-Visionär Samwer auf unsere Nachfrage zum Thema Fintech zu sagen hatte. Denn während die Finanzbranche ja regelrecht elektrisiert ist von „disruptiven“ Geschäftsmodellen rund um Blockchain, Mobile Payment oder Robo Advisory, hält Rocket Internet sich bislang zurück – aus gutem Grund: „Fintech heute ist wie E-Commerce 1994. Das Potential ist riesig, aber man kann noch nicht sagen, wo die Reise hingeht“, führte Samwer aus. Rocket Internet habe deshalb bislang zwar in ein knappes Dutzend Fintech-Startups investiert, aber „es gibt in diesem Bereich einen Hype und wir sind vorsichtige Deutsche und überdies Anwaltssöhne.“

Mehr HV-Impressionen und Zitate von Oliver Samwer bei Twitter. Interessant überdies der HV-Bericht von Reuters.

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