Ring frei für die DAGA-Challenge: DividendenAdel gegen Amazon

Toys R Us hat Insolvenz angemeldet. Nachdem der US-Spielwaren-Filialist von einem Konsortium um JPMorgan einen Drei-Milliarden-Dollar-Kredit ergattern konnte, bleiben die 1.600 Läden zwar weiter geöffnet. Dennoch dürfen sich durch den Niedergang des seit 2005 nicht mehr börsennotierten Konzerns all diejenigen bestätigt fühlen, die für den Einzelhandel nur noch zwei Zukunftsoptionen sehen – qualvolles Siechtum oder schneller Tod.

Nicht nur Händler sind potentielle Amazon-Opfer

Egal, ob es um billige Massenware oder hochwertige Markenartikel geht, um B2C oder B2B, um Elektronik oder Essen, um Schuhe oder Schokolade: Über kurz oder lang, so das Mantra der digitalen Disruption, wird Amazon jedem Händler den Garaus machen.

Natürlich mit immensen Kollateralschäden. Denn wenn nur noch online gekauft wird, braucht’s auch keine Shopping-Center mehr. Die Post wird ebenfalls Probleme kriegen, schließlich baut Amazon seinen Zustellservice massiv aus. Und nebenbei erlegt der E-Commerce-Gigant mit seiner Cloud Computing-Tochter AWS noch ein paar IT-Dinos vom Schlage IBM – während Amazon Prime Video den Kinos und TV-Sendern das Geschäft verdirbt.

Online-Shopping versus Karstadt Recklinghausen

Irgendwann zwischen 2025 und 2030 müsste Jeff Bezos demnach die Weltherrschaft erobert haben. An der Börse wird dieses Szenario schon einmal vorweggenommen. Während die Amazon-Aktie sich allein seit Anfang 2015 fast verdreifacht hat, mussten die konventionellen Händler einen veritablen Ausverkauf erleiden. Beim Kaufhaus-Riesen Macy’s etwa sind binnen drei Jahren rund zwei Drittel des Börsenwerts verdampft – durchaus zurecht, denn selbst der Flagship-Store in New York sieht innendrin nicht viel anders als Karstadt Recklinghausen Anfang der Neunziger Jahre.

Amazon vs. Macy seit 2015

Doch ist Macy’s wirklich ein echtes Amazon-Opfer – oder nicht eher eine aus der Zeit gefallene Firma, die zu besoffen war von der eigenen Tradition, um sich auf die Bedürfnisse ihrer Kunden einzustellen? Ist der „Death by Amazon“ tatsächlich bloß eine Frage der Zeit – oder gibt es neben der Bezos-Firma nicht vielleicht doch Platz für smarte Shopping-Konzepte?

Amazon definiert die Regeln neu

Um ehrlich zu sein: Keine Ahnung. Dass Amazon die Spielregeln (nicht nur) im Handel neu definiert, steht außer Frage. Doch auch bei den Platzhirschen sitzen in den Vorstandsetagen nicht nur bornierte Vollpfosten, für die das Internet Neuland ist – siehe Wal-mart, wo auf Druck der Eigentümerfamilie Walton nun zwar spät, dafür aber massiv in E-Commerce investiert wird.

Platzhirsche mit günstiger Bewertung

Ob diese Milliarden gut angelegt sind, wird man erst in ein paar Jahren sehen. Fakt hingegen ist: Gemessen an traditionellen Maßstäben sind viele Einzelhändler und  Shopping-Center inzwischen richtig günstig bewertet. Einstellige Kurs/Gewinn-Verhältnisse sind keine Seltenheit und trotz moderater Payout-Quoten locken bisweilen Dividendenrenditen von 4-5%. Dennoch sind Carrefour, Kroger, Foot Locker und Konsorten keine entspannten Income-Investments – sondern Turnaround-Spekulationen, für die es starke Nerven und eine schlüssige Strategie braucht.

Die DAGA-Challenge – mit echtem Geld

Deshalb gibt’s jetzt die DAGA-Challenge: DividendenAdel gegen Amazon. Von Zeit zu Zeit wird (wohlgemerkt mit echtem Geld) eine Amazon-Aktie gekauft – und parallel derselbe Betrag in ein potentielles Amazon-Opfer gesteckt, vorzugsweise in zuverlässige Dividendenzahler, die deutlich unter ihren Höchstkursen notieren. Und dann einfach mal schauen, was die Zeit so bringt…

100% Verlust versus unbegrenzter Gewinn

Wenn das Kalkül von der Koexistenz aufgeht, sollten langfristig beide Aktien an Wert gewinnen. Und falls Amazon den DividendenAdel doch platt macht, müssen die Gewinne der Bezos-Aktie die Verluste der alteingesessenen Händler kompensieren – ähnlich, wie das in den letzten Jahren im Duell mit Macy’s funktioniert hat. Denn das Schöne ist ja: Eine Aktie kann maximal 100% verlieren, aber unbegrenzt an Wert gewinnen.

Der erste Kandidat: Tanger Outlet Factory

Den Anfang macht eine Immobilienfirma. Tanger Factory Outlet betreibt vor allem im Osten der USA insgesamt 43 Shopping Malls und Outlet-Center mit über 3.100 Geschäften von rund 500 verschiedenen Marken. Angesichts dieser breiten Streuung schlagen einzelne Schieflagen wie jetzt die Pleite von Toys R Us nicht allzu stark auf die Bilanz durch. Gleichwohl wird sich Tanger zumindest flächenbereinigt auf rückläufige Mieteinnahmen einstellen müssen, wenn das Geschäftsvolumen und die Margen im Einzelhandel weiter schrumpfen.

Einkaufen ist ein soziales Erlebnis

Nachdem die Aktie seit dem letzten Sommer über 40% verloren hat, ist allerdings schon viel Negatives eingepreist. Und dass der E-Commerce-Boom die Shopping-Center gänzlich veröden lässt, ist unwahrscheinlich. Denn zum einen ist Einkaufen immer auch ein soziales Erlebnis und die Mall ein Treffpunkt – gerade in den USA, wo abseits der Metropolen nicht allzu viel los ist. Zum anderen sind freiwerdende Ladenflächen bei Fitness-Studios, Golf-Simulatoren und anderen „Indoor Activity“-Anbietern durchaus begehrt. Und hier funkt Amazon auf absehbare Zeit wohl nicht dazwischen.

Kleiner Aristokrat mit großem Schuldenberg

Für die als Real Estate Investment Trust (REIT) strukturierte Tanger-Gruppe spricht überdies die makellose Dividenden-Bilanz: Mit mehr als 25 Anhebungen in Serie gehört die im S&P Mid 400 enthaltene Firma zum Kreis der „kleinen“ Aristokraten. Hinzu kommt eine nach dem jüngsten Kursrutsch höchst attraktive Rendite von knapp 6%, die überdies nicht „auf Kante genäht“ ist. Die Ausschüttungsquote, die sich bei Immobilienfirmen aus den operativen Erträgen (Funds from Operations, FFO) statt aus dem Jahresüberschuss errechnet, liegt bei lediglich 60%.

2017-09-19 TANGER FACTORY DividendenAdel-Profil ab 2007

Nur die Verschuldung fällt mit einer Debt-to-Assets-Ratio von 67% selbst für REIT-Verhältnisse ziemlich üppig aus. Ein signifikanter Zinsanstieg könnte deshalb ein größeres Risiko darstellen als Amazon.

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