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Auweiacard: Fünf ganz allgemeine Lehren aus dem Wirecard-Debakel

Obwohl ich die Aktie nicht habe und nie hatte: Wirecard macht mich richtig sauer. Denn was dort passiert, ist für alle, die sich in den letzten Jahren für die Aktienkultur in Deutschland eingesetzt haben, ein Schlag in die Magengrube. Ein Totalschaden für den Finanzplatz Deutschland, wie Kathrin Jones im Handelsblatt feststellt.

Nach dem Rücktritt des Firmengründers Markus Braun darf jetzt der (erst am Donnerstag zum Vorstand bestellte) Compliance-Experte James Freis klären: Hat Auweiacard selbst betrogen – oder war man schlichtweg so verbimmelt, dass irgendwelche Treuhänder und Third Parties 1,9 Mrd. Euro abzocken konnten? Kriminelle Energie oder grenzenlose Dummheit?

Für einen DAX-Konzern ist beides ein Desaster, von dem hoffentlich nicht allzu viele Leser betroffen sind. In jedem Fall können Investoren aus der Causa Wirecard einiges lernen – und genau dazu hat Richard Dittrich von der Börse Stuttgart am Freitag ein Video mit mir aufgezeichnet, das jetzt schon online ist.

Im Kern geht’s dabei um fünf Punkte:

Alles ist möglich: Auch Milliardenbetrug und/oder Compliance-Versagen bei einem DAX-Konzern, bis hin zur Insolvenz. [Keine Prognose, nur ein Szenario.]

Die Dosis macht’s: Der einzige Weg, dieses spezifische Risiko in den Griff zu kriegen, sind klar definierte Positionsgrößen. Nicht mehr als X% in eine Aktie und wenn dieses Limit erreicht ist, wird auch nicht mehr nachgekauft. Auch wenn der Preis vermeintlich wahnwitzig niedrig ist. Punkt. Gleichzeitig sollte X einem Betrag entsprechen, dessen Totalverlust für sich genommen zwar schmerzlich ist, den man aber verkraften kann. Daraus leitet sich dann gleichzeitig ab, wieviele Aktien man im Portfolio haben sollte – und schon sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema Diversifikation und der Börsenregel „Breit gestreut, nie bereut“ (die übrigens älter ist als Beate Sander).

Investment-Case formulieren: Wer eine Aktie kauft, muss irgendwo irgendwie festhalten, warum und wieso – und regelmäßig (etwa alle sechs Monate sowie bei besonderen Anlässen) prüfen, ob diese Gründe noch Bestand haben. Und wenn nicht, dann konsequent raus damit. Und bei Wirecard gab es ja genügend „Trigger“, zuletzt den Prüfungsbericht von KPMG, zu dem ich ja seinerzeit auf meinem Twitter-Kanal und in der echtgeld.tv-Sendung vom 30. April eine sehr klare Meinung bezogen hatte. [Wer sein Investment stark auf Kennzahlen stützt, tut sich mit diesem Buy & Hold & Check deutlich leichter. Aber Michael Kissig zeigt auf seinem Blog, wie sowas auch mit einer „diskretionären“ Strategie funktioniert.]

Einstiegskurse vergessen: Für die Beurteilung einer Aktienposition völlig irrelevant ist, zu welchem Preis man sie mal gekauft hat. Wenn der Investment-Case nicht mehr intakt ist, ist auch ein Ausstieg mit 50% Verlust sinnvoller als die Hoffnung darauf, dass die Aktie sich verdoppelt und den Einstandspreis zurückerobert. Dem „Markt“, sprich der anonymen Masse anderer Investoren, ist nämlich schnurzpiepegal, zu welchem Kurs man selbst eingestiegen ist. Es zählt nur das Hier und Jetzt.

Nie in eine Aktie verlieben: Natürlich kann man von „seinen“ Unternehmen, ihren Produkten und ihrer Performance begeistert sein. Aber diese Begeisterung darf nicht den Blick auf die Fakten verstellen – oder sich gar in einen pseudo-religiösen Wahn hineinsteigern, in dem man alle, die nicht gleich „all-in“ gehen oder sich sogar zu kritischen Fragen erdreisten, einer sinistren Verschwörung verdächtigt. Auf diese Weise verliert man nämlich nicht nur Geld, sondern auch Freunde (selbst wenn’s nur im virtuellen Raum einer Facebook-Seite ist).

Aber das war’s jetzt wirklich mit Wirecard. Denn es gibt ja noch genügend andere deutsche Aktien. Etwa die Deutsche Börse, Sartorius oder TAG Immobilien – die in allen acht Spielzeiten, die der FC Bayern nun als Meister abgeschlossen hat, zulegen konnten. Mehr dazu plus meine Eindrücke von der Delivery Hero-Hauptversammlung und eine Einschätzung zur Lufthansa in der neuen Folge von echtgeld.tv Kramer & Röhl:

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