Steuerfrei Dividende kassieren: So guckt der Fiskus in die Röhre

„Der Steuerspartrieb ist in Deutschland stärker ausgeprägt als der Sexualtrieb“, weiß der Volksmund. In der aktuellen Ausgabe des Anlegermagazins Börse Online dürfte deshalb die Seite 76 besonders intensiv studiert werden. Dort – sowie auf dem Twitter-Account von Vize-Chefredakteur Lars Winter – findet sich nämlich eine Liste mit zwei Dutzend deutschen Aktien, die in diesem Jahr steuerfrei ausschütten.

Steuerfrei nur auf den ersten Blick

Ja, richtig gelesen. Nicht immer greift das Finanzamt sofort zu, wenn Dividenden auf dem Konto landen: Sofern eine Firma die Aktionärsbescherung aus dem so genannten steuerlichen Einlagenkonto nach § 27 Körperschaftsteuer stemmen kann, gibt’s ganz legal brutto für netto „Cash in die Täsch“.

Wirklich geschenkt kriegen Sie allerdings nichts. Stattdessen wird die Steuerschuld lediglich gestundet, bis Sie Ihre Aktien verkaufen. Im selben Moment, in dem die Dividende gutgeschrieben wird, setzt die Buchhaltung der Bank nämlich den steuerlichen Einstandskurs herunter und entsprechend höher fällt der Kursgewinn aus, der später versteuert werden muss.

Steuerstundung ist für Langfrist-Anleger charmant

Dennoch hat die Sache aus Sicht des langfristig orientierten Income-Investors durchaus Charme. Denn solange man nicht aussteigt, kommt man tatsächlich um die Steuer herum. „Ewig und drei Tage“ engagiert zu bleiben lohnt sich indes nur bei zuverlässigen Zahlern. Grund genug also, die Steuersparmodelle unter den deutschen Aktien mal unserem bewährten Qualitäts-Check zu unterziehen.

Deutsche Euroshop und Freenet sind die Favoriten

Ernüchterndes Ergebnis: Mit der Deutschen Euroshop, deren Ausschüttung überdies nur teilweise steuerfrei sein wird, erfüllt bloß ein einziges Unternehmen alle Kriterien unseres magischen Vierecks nachhaltiger Dividendenqualität. Der Shoppingcenter-Betreiber aus dem MDAX hat seine Dividende noch nie gesenkt, liegt mit seiner über drei Jahre geglätteten Ausschüttungsquote von 59% komfortabel im Zielkorridor (25-75%) und wartet momentan mit 3,7% Rendite auf. Durchaus eine Aktie für die Ewigkeit – mit einem Wachstum von 5% p.a. zwar nichts zum Reichwerden, aber durchaus zum Reichbleiben, zumal es bereits ein langfristiges Dividenden-Commitment gibt. Auch in den nächsten zwei Jahren soll die Ausschüttung um jeweils 0,05 Euro angehoben werden.

2017-04-22 Top 7 Zuverlässig steuerfrei

Alle übrigen Firmen der Börse Online-Liste scheitern schon an der ersten DividendenAdel-Hürde und schaffen es nicht einmal auf zehn Jahre ohne Kürzung. Einige kommen dennoch als Kandidaten fürs Langfrist-Depot in Betracht – allen voran Freenet. Seit die TecDAX-Telefonisten nach ihrer Neuausrichtung 2010 die Dividendenzahlung wieder aufgenommen haben, gab’s acht Anhebungen in Folge. Das Wachstum hat sich zwar zuletzt spürbar verlangsamt und die hohe Rendite von 5,4% geht mit einer etwas zu hohen Ausschüttungsquote einher. Doch im Telekom-Sektor ist ein Payout von 85% fast schon moderat und auch wenn die Expansion ins Streaming-Geschäft einige zyklische Risiken birgt, dürfte Freenet seine Aktionäre weiterhin zuverlässig bedienen.

Capital Stage mit langfristiger Festlegung

Dasselbe trauen wir auch Capital Stage zu, wo Sonne und Wind für stetige Erträge sorgen. Mit einer Kapazität von mehr als einem Gigawatt gehört die SDAX-Firma europaweit zu den größten unabhängigen Betreibern von Solarparks und Windkraftanlagen. Dieses Geschäftsmodell, das angelsächsische Investoren als „YieldCo“ bezeichnen, verlangt zunächst immense Investitionen. Doch seit 2012 erstmals ausgeschüttet werden konnte, ist die Dividende kontinuierlich von 0,05 auf nunmehr 0,20 Euro gestiegen. Zwar wird nicht der komplette Betrag steuerfrei überwiesen, aber doch wie die ebenfalls in Hamburg anässige Deutsche Euroshop punktet auch Capital Stage mit einem klaren Bekenntnis: Bis 2022 soll die Dividende schrittweise auf 0,30 Euro je Aktie angehoben werden. Bezogen auf die aktuellen Kurse um 6,30 Euro würde das einer realisierten Rendite von 4,8% entsprechen.

In der DAX-Liga sind Post und Telekom steuerfrei

Wer unsere drei Favoriten für zu klein hält und in der DAX-Liga steuerfreie Dividenden kassieren will, hat die Wahl zwischen zwei Staatsfirmen. Für die Deutsche Post, deren Hauptversammlung bereits am 28.04. stattfindet, sprechen dabei vor allem die Kennzahlen. Die mangels historischer Kontinuität nicht in unserer Liste geführte Deutsche Telekom punktet mit dem defensiveren Geschäftsmodell und der höhere Rendite.

Die Steuer ist kein hinreichendes Investment-Motiv

Unabhängig davon bedenken Sie aber bitte: Steuerliche Themen können niemals ein hinreichender Grund für ein Investment sein – weder bei Immobilien noch bei Aktien. Eine Aktie nur deshalb zu kaufen, weil die Dividende steuerfrei ist, wäre schon deshalb töricht, weil niemand sagen kann, ob der Fiskus auch bei den nächsten Ausschüttungen in die Röhre guckt.

Stattdessen geht es auch hier wieder, ähnlich wie vor ein paar Tagen beim Thema Quartalsdividenden, um Psychologie. Denn eine Aktie, die ein paar steuerfreie Ausschüttungen abgeworfen hat, verkauft man im Zweifelsfall vielleicht nicht ganz so leichtfertig. Stattdessen denkt man lieber zweimal darüber nach, ob die Firma wirklich so mies ist – oder ob man sich nicht einfach von der Kursentwicklung verwirren lässt.

Altbestände nicht verkaufen… sondern vererben

Das gilt übrigens ganz besondere für die Aktien, die vor dem Jahr 2009 angeschafft wurden. Weil der steuerliche Bestandsschutz hier anders als bei Fonds und ETFs nicht Ende diesen Jahres ausläuft, sind die aus dem Einlagekonto gezahlten Dividenden bei diesen Beständen wirklich dauerhaft und ohne Einschränkung steuerfrei. Ein weiteres Argument dafür, diese Positionen – wenn es nicht gravierende fundamentale Gründe gibt – nie zu verkaufen, sondern immer zu vererben!

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1 Antwort

  1. 28. April 2017

    […] Steuerbetrug bei den Aristokraten? >>> Steuerfrei Dividende kassieren: So guckt der Fiskus in die Röhre […]

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